Lokales, Samstag, 30. Mai 2009

Leibwache für Nestflüchter
 
Im Schritt-Tempo durch die Heimat des Goldregenpfeifers
 
Von Susanne Risius-Hartwig
 
ESTERWEGEN. Laut poltert die orangerote Lok über die holprigen Schienen im Sand. Sie zieht drei schon etwas rostige Loren hinter sich her. Statt Torf haben sie heute Touristen geladen. Im Schritt-Tempo geht es in die Esterweger Dose, das größte norddeutsche Torfabbau-Gebiet und gleichzeitig das größte zusammenhängende Moorschutzgebiet in Nordwest-Europa.
 
Vorne in der Lok gibt Gästeführer Theo Lüken jetzt ein Zeichen, nach rechts zu schauen: Da, nur wenige Meter entfernt ein Kiebitz! Seelenruhig steht der Vogel an einer Wasserfläche, so als warte er nur darauf, bewundert und fotografiert zu werden.
Wenig später ein Zwischenstopp. Gästeführer Lüken springt von der Lok und nutzt die plötzliche Stille nach dem Abstellen des Motors für seine Erläuterungen. Etwa 2200 Hektar der Moor-Fläche befinden sich hier zurzeit in der Abtorfung. In vielen Randbereichen hat man bereits mit einer Renaturierung und Wiedervernässung begonnen. „Beharrlich erobert sich die Natur ihre räume zurück“, erzählt der Bockhorster von seinen Beobachtungen. Selbst Pflanzen- und Tierarten, die schon als verloren galten, sind nach wenigen Jahren wieder aufgetaucht. Der 59-Jährige zählt auf: Brachvögel, Kiebitz, Rotschenkel, Neuntöter, Rohrweihe, Raubwürger und etliche andere Geschöpfe tummeln sich hier. Auch Libellen finden in den Flächen ideale Lebensbedingungen. „Die Arten sind in ihrem Bestand stark gefährdet. Selbst Sonnentau und große Wollgrasflächen finden in den Wiedervernässungsflächen sehr gute Wachstumsbedingungen.“ Mit etwas Glück kann der aufmerksame Beobachter auch Kreuzottern entdecken, versichert Lüken.
Eine Heimat ist die Esterweger Dose für den südlichen Goldregenpfeifer, der in seinem Bestand stark bedroht ist. Die Dose ist das letzte bekannte Brutgebiet des selten gewordenen Vogels. Acht Gelege haben die Vogelschützer im vergangenen Jahr gezählt und sogar bewachen lassen. Studentinnen der FH Osnabrück hatten diese Aufgabe übernommen und die kleinen Nestflüchter sogar verfolgt. „Das verursacht zwar Kosten, zeigt aber, wie wertvoll uns der Goldregenpfeifer ist“, berichtet Lüken des 30 Lorengästen, die ihm gespannt zuhören. Mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht erinnert er sich, warum es immer junge Frauen sind, denen diese Aufgabe anvertraut wird. „Die Männer haben da wohl nicht die nötige Sorgfalt walten lassen...“
 
Millimeter Moor im Jahr
 
Ein Gast möchte wissen, wie die Wiedervernässung bewerkstelligt wird, und Lüken erklärt: Zunächst werden die Entwässerungsgräben verfüllt. Danach entstehen Polder in einer Größe von fünf bis zehn Hektar, die den Stand des Niederschlagswassers regelbar machen. Ein sehr hoher Wasserstand ist Voraussetzung für die Wiederansiedlung der Torfmoose (Sphagnum) und anderer charakteristischer Pflanzenarten. „Gleichzeitig ist der hohe Wasserstand das beste Mittel gegen den unerwünschten Birkenbewuchs“, weiß der Gästeführer. Er kennt sich in der Dose aus wie in seiner eigenen Westentasche, denn das Moor ist seit über 20 Jahren auch Lükens Arbeitsplatz als Maschinenführer bei Klasmann-Deilmann.
Weiter geht die Fahrt, und plötzlich ändert sich die Aussicht. In einem harten Bruch verschwindet das Grün mit den weißen Tupfen von Wollgras. Monotones Braun beherrscht das Bild. Bagger- und Reifenspuren großer, schwerer Maschinen sind die einzige Ablenkung für das Auge – neben einem großen weißen Findling und dem blauen Himmel. Hier lässt sich erahnen, wie tief der Moorboden reicht: „Acht Meter und mehr“, informiert Lüken.
Zur Verdeutlichung nimmt er nun zwei Stücke Torf in die Hand, eines etwas heller als das andere. Zunächst wurde hier Weißtorf gestochen, der als Einstreu in den Ställen Verwendung fand. Der darunter liegende Schwarztorf war in der waldarmen Gegend ein begehrtes Heizmaterial. In einigen großen Werken in der Gegend wurde der Torf auch verkokst oder, wenn auch noch selten für Filteranlagen gebraucht.
Größtenteils ist das Geschichte. Heute entstehen in den Fertigungshallen und Laboren des Torfverarbeiters Klasmann-Deilmann hoch spezialisierte Produkte. Da der Moorboden nahezu keimfrei ist, eignet er sich gut für den gewerblichen Gartenbau. Nährstoffe sind von Natur aus kaum vorhanden und werden erst in unterschiedlichen Mengen und Qualitäten beigefügt. „So lässt sich das Wachstum von Kulturpflanzen wie Salat sehr genau steuern“, erklärt der Gästeführer. Wieder am Startpunkt angekommen, fischt Lüken eine Handvoll Torfmoos aus dem trüben Wasser, wringt und schüttelt es aus, wie nasse Wäsche. Das hellgrüne Moos kann 90 Prozent seines Eigengewichtes an Wasser speichern. Es wächst recht langsam. Durch den Vertorfungsprozess erhöhe sich das Moor etwa einen Millimeter im Jahr.
Lüken verabschiedet seine Gäste und verrät zum Schluss noch ein Geheimnis: „Ich werde oft gefragt, ob es nicht schrecklich eintönig ist, im Moor zu arbeiten. Ich antworte dann immer, dass ich die Freiheit liebe. Hier draußen stehen die Kollegen und ich nämlich nicht so unter Kontrolle,“ und mit einem spitzbübischen Lächeln fügt er schnell hinzu: „Fleißig sind wir natürlich trotzdem.“



Em-s-Zeitung
Kampf um jedes Küken
Von Tobias Böckermann, Esterwegen.
Goldregenpfeifer sind schon komische Vögel. Wo andere Piepmätze kaum einmal Rast machen würden, da lassen sie sich nieder. Und zwar nur da. Auf trockenen Torf legen die seltensten Brutvögel Deutschlands ihr Gelege, dort wo das Goldregenpfeiferauge so weit reicht, wie es nur geht. Marsmäßig.
Hermann Wreesmann und Axel Degen kennen die letzten Brutplätze des kleinen Vogels wie aus dem Effeff. Oft stapfen sie durch die endlos erscheinenden Torfabbauflächen der Esterweger Dose - auf der Suche nach ihren Schützlingen. So auch an diesem Tag im Mai 2006. Gemeinsam mit Gerd-Michael Heinze vom niedersächsischen Umweltministerium bahnen sich Wreesmann vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und der Diplom-Biologe Degen ihren Weg durch peitschenden Regen. Dem scharfen Westwind bietet hier nichts Einhalt - kein Baum, kein Strauch, nur hier und da mal ein aufgeschütteter Wall aus trockenem Torf. Kilometerweit geht das so.
Torfabbaufirmen haben vor Jahrzehnten angefangen, die 5000 Hektar große Esterweger Dose zu entwässern und den in unvorstellbaren Massen vorhandenen schwarzbraunen Bodenschatz abzubauen. Sie haben Gräben gezogen, Rohre vergraben, Schienen verlegt - alles für den Torf.
Übrig ist im Kernbereich eine Fläche beinahe ohne Vegetation, nur hier und da wächst ein wenig Bentgras, mal ein paar zarte Heidepflanzen - hier trocknet Torf. Nur in älteren Entwässerungsgräben sprießen Torfmoose und blüht das Wollgras. Und ausgerechnet hierhin hat es den Goldregenpfeifer verschlagen, von dem es in Mitteleuropa im vergangenen Jahr noch ganze elf Brutpaare gab? Es scheint absurd.
Aber Wreesmann und Degen nicken. „Ursprünglich lebte der Goldregenpfeifer in den typischen Hochmooren der Region“, sagt Wreesmann. „Die Vegetation auf insgesamt zwei Millionen Hektar Moor war kaum knöchelhoch und bestand nur aus Glockenheide, Scheidigem Wollgras und offenen Moorschlenken mit Torfmoos. Das war ideal. Schafbeweidung und die damals übliche Moorbrandkultur sorgten dafür, dass die Vegetation kaum höher als 20 Zentimeter wurde.“
Ab 1850 habe der Mensch dann begonnen, die Moore zu kultivieren und damit den Lebensraum der Vögel zu zerstören. „100 Jahre später waren dann nur noch 30 bis 40 Paare des Goldregenpfeifers übrig - in der Diepholzer Moorniederung, dem Bourtanger Moor entlang der niederländischen Grenze und in der Esterweger Dose.“ Bereits seit den 1930 Jahren bemühten sich Wissenschaftler um den Erhalt des kaum taubengroßen Verwandten des Kiebitz.
„Niemand hätte aber damals darauf gewettet, dass der Goldregenpfeifer die Jahrtausendwende in Mitteleuropa erlebt“, erklärt der Biologe Degen. Nur in Skandinavien gab man ihm noch eine Chance. Und doch hat er es bis heute auch hier geschafft.“ Warum? „Weil er sich an die weiträumigen Torfabbauflächen angepasst hat.“
Die kleine Gruppe geht weiter in Richtung nirgendwo, eine Zeit lang einer Bahnschiene folgend, dann hinter einem Torfwall abbiegend. Axel Degen nimmt sein Handy zur Hand, wählt eine Nummer aus dem Speicher. „Wo sind die Vögel?“, fragt er dann. „Ihr seid ganz in der Nähe, bitte Vorsicht“ kommt die Antwort postwendend von jemandem, der die drei Männer zu sehen scheint. „Wir dürfen die Vögel auf keinen Fall stören“, sagt Degen. „Das Brutgeschäft ist bei diesem Wetter kritisch.“
Und dann, ein paar Dutzend Meter weiter, bleibt die Gruppe stehen, schaut durch die Ferngläser. Etwa 150 Meter entfernt ist ein kleiner Verschlag zu sehen, darin sitzt jemand und starrt immer auf eine Stelle im Moor. „Es ist einer der Leibwächter für die letzten Mohikaner“, sagt Wreesmann. „Studenten der Fachhochschule Osnabrück bewachen die Goldregenpfeifer zur Brutzeit rund um die Uhr.“ Mit ihnen ist Biologe Degen als Koordinator stets in Kontakt. Hermann Wreesmann starrt durch sein Fernglas. Regen rinnt ihm und seinen Mitstreitern in Strömen in den Nacken, es ist für Mai viel zu kalt, gefährlich für die empfindlichen Jungvögel. Nach ein paar Minuten hat Wreesmann leichte Bewegungen im Moor ausgemacht, und der Wind trägt ein weiches, manchmal ansteigendes „tlüh“ herüber, dann ein langsames Trillern. „Ist da was?“, fragt er. Degen bestätigt: „Ich kann sie auch sehen: Ein Elterntier mit drei Küken.“ Zufriedenheit ist zu spüren.
Näher ran will die Gruppe nicht gehen. „Das wäre nicht gut“, sagt Degen, und alle machen kehrt, stiefeln durch aufgeweichten Untergrund zurück zum Rand der Abbaufläche. Gelegenheit für Degen zu erklären, warum der Rund-um-die-Uhr-Schutz für die „Goldis“, wie die Naturschützer die Vögel der Kürze wegen (und wohl auch wegen des Wohlklangs) nennen, überhaupt notwendig ist. „Es gibt nur noch so wenige Tiere, dass wir uns keinen Verlust an Küken leisten können, wenn wir die Art in Mitteleuropa erhalten wollen. Sollte diese Population erlöschen, gibt es hier keinen Goldregenpfeifer mehr. Eine Wiederansiedelung wäre dann wohl unmöglich.“ 180000 Euro pro Jahr stellt das Land zur Verfügung, damit es nicht so weit kommt.
Das Motto lautet also: Kampf um jedes Küken - und das hat jede Menge Feinde. Paradoxerweise müssen die kleinen Nachwuchspfeifer zuallererst vor den Geräten geschützt werden, die ihnen das Überleben bisher ermöglicht haben: den Torfabbaumaschinen. „Wenn die hier über das Gelände fahren, können die Maschinenführer die kleinen Tiere kaum entdecken, und die Vögel selbst können nicht ausweichen“, sagt Degen. „Also suchen wir die Nester und bewachen sie - im Einvernehmen übrigens mit der Torfindustrie, die uns hier sehr unterstützt.“
Nicht gern gesehen ist auch Meister Reinecke. Der Rotfuchs nutzt Gelege von Bodenbrütern gerne, um sich den Magen zu füllen. Deshalb helfen die örtlichen Jäger, den vierbeinigen Räuber so kurz wie möglich zu halten. Auch aus der Luft drohen Gefahren: von Krähen, Bussarden, Weihen oder Falken. Ziehen sie ihre Bahnen, schreiten die Bewacher von der FH ein.
Nachdem 2003 in ganz Niedersachsen die Bestände eingebrochen und nur ein bis zwei Küken flügge geworden waren, verstärkte die Landesregierung vor allem in der Esterweger Dose die Schutzbemühungen. Elektrozäune und Schutzkörbe sichern nun die Gelege. Seitdem gab es keine Verluste mehr, die Zahl der Brutpaare in Niedersachsen stieg von drei auf sechs. Jahr für Jahr kamen mehr Goldregenpfeifer hoch - auf niedrigstem Niveau allerdings. 2006 überlebten von 15 geschlüpften Küken immerhin elf. Auch in den Gebieten Dalum-Wietmarscher Moor, Huvenhoopsmoor und Stellingsmoor (beide Landkreis Rotenburg/Wümme) konnten Reviere erfasst werden - gebrütet hat der Goldregenpfeifer aber ausschließlich in der Esterweger Dose. Im Dalumer Moor wollen die Naturschützer gemeinsam mit der Staatlichen Moorverwaltung den Lebensraum optimieren und so ein weiteres Standbein für den Goldi schaffen.
„Wir müssen es schaffen, die Art zu erhalten“, sagt Wreesmann. „Wir gehen davon aus, dass die Vögel anpassungsfähig sind und sich in einigen Jahren an renaturierte Moorflächen gewöhnen. Wenn das gelingt, wird der Goldregenpfeifer überleben.“ Und mit ihm die anderen Pflanzen und Tiere des Moores.
 

Nächste Termine:

19.1.2012 20:00 Uhr
Monatlicher Treff in der
Gaststätte Roskamp
Hauptkanal li. 30

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